Rede
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Sind das Fotos oder Delikatessen?

Kurzfassung der Rede von Benni Muhle, Frankfurt, zur Eröffnung der Ausstellung "Psychodelia" von Chris Mennel in Haus Mitte, Stuttgart, 12.8.93

Gedanken des Künstlers zu seinen Fotos gibt es hier:

Surreal ] Heimat ] Ausstellungen ] Vergangenheit ]

    

Chris Mennels photographische Technik heißt "Sandwich". Das Lexikon erläutert zu diesem Begriff: "Zwei zusammengelegte Weißbrotschnitten mit Aufstrich und Belag dazwischen, genannt nach dem 4. Earl of Sandwich." Wenn wir in eine solche Stulle beißen, so schmecken wir zwar Brot, Butter, Käse und Schinken, Salatblatt und Tomate heraus, jedoch vereinzeln können wir den geschmacklichen Eindruck nicht.

Genau das geschieht beim Betrachten von Chris Mennels Photokunst. Zwar treibt der Forscherdrang den Betrachter dazu, die Photos, die der Künstler raffiniert übereinander gelegt hat, auseinander zu pflücken, ihre Einzelteile zu definieren, doch wird man diesen Photosandwiches damit genausowenig gerecht wie ihren essbaren Verwandten, wenn wir versuchen wollten, den Schinken und die Gurke geschmacklich zu trennen.

Ausgewählte Vielfachphotos begegnen uns hier in einem Motiv. Zwischen Szenen im gleichen Sandwich kann ein ganzes Jahrzehnt liegen. Chris Mennels Motto könnte sein: Ästhetik über Chronologie. Die acht Bilder des Zyklus "Heimkehr aus dem Labor" seien in diesem Zusammenhang dem geneigten Publikum empfohlen.

Bei zahlreichen seiner Sandwiches fällt auf, daß Chris Mennel es versteht, den Einstieg zum Tiefgang einfach zu gestalten. Wie seine Bilder aus einzelnen Motiven wachsen, zeigt beispielhaft "Diadem - Ein Zyklus aus Lichtbildern". Hier steht nicht das einzelne Photo im Vordergrund, sondern sein Herausgleiten aus einem vorherigen und sein Überfließen in das nächste Motiv.

Die Nähe zur Popmusik und damit zur Popkultur wird in der Sequenz "Top Twenty" besonders deutlich. Diese Bilder darf man sich als Plakate zur Musik von Pop-Gruppen vorstellen. Das Selbstporträt ausgerechnet beim härtesten Punk-Titel "The nightmare continues" deutet den persönlichen Geschmack des Künstlers an.

Chris Mennels Bilder sind Sprungschanzen des Realen zu denkbaren und fühlbaren Welten. Naheliegend und doch neu ist hier die Idee des Künstlers, seine Werke klingen zu lassen: Die "Sprechenden Bilder" führen uns auf intim-auditive Weise von den physischen Oberflächen der Photos zu ihren psychischen Tiefen.

Sie sollen nach Chris Mennels Wunsch so unbeschwert an die Photoangebote herantreten wie an die Offerten eines Schnellrestaurants. Wenn Sie dann stehenbleiben, kauen, und gar bleiben bis zum Verdauen - so wird es den Koch hinter der Theke freuen: Jaja, der gute alte Sandwich - wer seine Möglichkeiten voll nutzt, der stellt Delikatessen her.